Die Energie der Fruchtbarkeit

by Kai Voigtländer

Wolfgang Laib, Pollen from Hazelnut. MoMA, Februar 2013

Wolfgang Laib, Pollen from Hazelnut. MoMA, Februar 2013

 

Allergiker, bitte mal weghören.

Haselnusspollen.

Haselnusspollen? Flüchtiger geht’s kaum noch. Ein Hauch von Staub, vom Winde verweht. Im Mikrometerbereich. Unsichtbar. Aber Wolfgang Laib sammelt die Pollen, streicht sie von den Sträuchern, füllt die gelben Körnchen in Gurkengläser mit Schraubverschluss. Wochenlang, monatelang, jahrelang. Und dann macht er mit ihnen Bilder, die ganze Häuser mit Energie aufladen.

Das Atrium ist das Zentrum des MoMA, eine offene Halle, die vier Stockwerke erschließt und verbindet, ein Ruhepol nach dem Gewusel an den Kassen und vor dem Geschiebe in den Räumen. Ein anspruchsvoller Raum. Wer den bespielen will, braucht klare und entschiedene Zeichen. Wolfgang Laib schafft das spielend, mit seinen Pollen. Auf einer großen Plane, einem flachen Podest hat er eine fast quadratische Fläche angelegt, sechs mal sieben Meter. Und darauf verstreut, ausgesiebt, verdichtet: Die Pollen.

Eine gelbe Fläche, deren Farbigkeit sich in die Augen brennt. Die so intensiv leuchtet, dass sie das ganze Atrium mit Energie erfüllt. Was man sogar auf diesen iPhone-Fotos von eher bescheidener Qualität sehen kann.

Wolfgang Laib, Pollen from Hazelnut. MoMA, Februar 2013.

Wolfgang Laib, Pollen from Hazelnut. MoMA, Februar 2013.

 

Die Energie der Fruchtbarkeit. Geht in der Nahansicht übrigens völlig verloren. Da wirkt das – belanglos, zufällig, eingestaubt. Aber je weiter man sich entfernt, desto intensiver leuchtet das Kraftfeld. Das hat schon was: Die Stadt, diese Stadt, diesen Inbegriff der Überkomplexität, mit der Urszene der Natur zu bestäuben, mit dem absoluten Anfang. Etwas so maximal Reines und Elementares genau hier aufzutragen.

Das MoMA hat zu dieser Ausstellung einen sehr schönen Film produziert. Die Kamera beobachet Wolfgang Laib, wie er über schwäbische Wiesen streift, von Strauch zu Strauch, Zweige schüttelt und Pollen fängt, ein körperloser Mann, asketisch, leise. Immer crèmefarben oder weiß gekleidet. Und dann sieht man ihn, wie er das Atrium des MoMA bestäubt, wie er seine Pollen ausbringt. Auch im Auftragen ist er vollkommen reduziert, er erlaubt sich keine malerische Geste, keine Andeutung von Kunst.

Zwei oder drei feine Siebe, mit Gaze ausgelegt, über denen schüttet er die Gurkengläser aus. Dann verteilt er den Pollen – wie Puderzucker auf dem Kuchen. Manchmal ist er ganz eingehüllt in den feinen Staub. Meine Lieblingsszene im Film kommt bei etwa 07:30, da schaut die Kamera ganz von oben runter auf diese gelbe Fläche, und irgendwo am Rand hockt Wolfgang Laib und siebt seinen Pollen aus, ein weißer Fleck im gelben Universum des Lebens.