28.03.2010

09:23 Bordzeit

Möhrenzeit.

Ich habe heute von Salat geträumt, sagt Laura beim Frühstück. Mit Tomaten. Also, nicht das Frühstück hatte die Tomaten. Aber der Traum. Das beschreibt das Problem.

Wenn Träume dieser Art in den Tag hinein flüstern und als Gesprächsstoff über den Tischen in der Messe kreisen, dann weiß der erfahrene Polarsternfahrer zweierlei: Die Hälfte der Reise ist rum. Und: Die Möhrenzeit ist da.

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Dienstag, 30.3.2010
19:55 Bordzeit

Containermodus.

Wir haben unseren letzten Eisberg gesehen. Dachten wir jedenfalls. Gestern nachmittag, 61°45‘ Süd. Die Gischt klatscht regelmäßig gegen die Panoramafenster auf der Brücke. Das ganze Schiff ein einziges Schaukeln. Hoch auf die Welle, runter ins Tal. Der Bug taucht tief in die krachenden Seen. Schießt salzige Fontänen hoch aufs Peildeck. Ringsum aufgewühltes Wasser, grauer Himmel, Sturm. Da taucht der Eisberg auf, treibt backbord vorbei. Letzter Gruß aus der Antarktis.

Passt gut zur Abschiedsstimmung. Seit Tagen laufen wir nördliche Kurse. Erst nordwestlich, gegen die Wellen anrollend – ganz schlecht. Grausames Geschaukel, Bachstelzentango, entfesselte Objekte im Raum, zerdepperte Gläser. Jetzt nordöstlich, die Welle im Rücken – wundervoll ruhig, wie Surfen, die Wellen rollen am Schiff vorbei. Wir können mal wieder ein paar Stunden schlafen, ohne ständig von noch nie gefühlten Schüttelschaukelrüttelrollbewegungen aufzuschrecken.

Unser Wetterbericht verheißt für die nächsten Tage wenig Gutes:

Polarstern befindet sich an der Nordflanke eines Sturmtiefs 960 hPa bei 66S / 124W, das sich unter leichter Abschwächung nach Osten verlagert.
Vorhersage bis Dienstagfrüh: Wind um West 7 bis 8, zeitweise 9 Bft. Seegang um 7 m. Ein paar Schauer, sonst mittlere bis gute Sicht.
Aussichten bis Dienstagabend Wind um West um 8 Bft, später etwas nachlassend 7 Bft. Seegang um 7 m. Sicht teils durch Niederschlag reduziert.
Trend bis Donnerstagabend Wind um West um 7 Bft, zum Donnerstag auf 5 bis 6 Bft nachlassend. Seegang anfangs um 6, später um 4 m.

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A.

Schöne Worte (3): Nunatak

Am Anfang ein Geständnis: Dies ist ein bestellter Text. Eher ungewöhnlich für einen Blog, den Idealtypus des autonomen Schreibens. Aber ich kann‘s ja mal versuchen.

Die Bestellung kommt von Norbert, Norbert Kaul. Dem Mann mit der Wärmelanze, von den ozeanographischen Spöttern wegen seines Arbeitsgerätes gerne Lanzelot genannt. Aber es geht jetzt nicht um die Wärmelanze. Es geht um die Mail.

Die Texte dieses Blogs stehen auch im Intranet der Polarstern. Was ich anfangs mit durchaus gemischten Gefühlen betrachtet habe. So ein direkter Kontakt zur eigenen Leserschaft kann ja schon gewöhnungsbedürftig sein. Aber es gab so viel Feedback und Gespräche und Gelächter und Anregungen und Verbesserungsvorschläge, das war (und ist) einfach bezaubernd.

Und es kam die Mail. Von Norbert.

Betreff: Schöne Worte (2-4)
28. Februar 2010. 01:16 am

Hallo, Kai, dein Blog ist immer sehr erfrischend. Wie wär’s mit elegischen Gedanken zu: Lasching, Nunatak oder Sastrugi?

Norbert, vergib mir, aber im ersten Moment dachte ich: Will der dich auf den Arm nehmen? Habe ich‘s übertrieben mit dem blumigen Schreiben? Hat er die Worte jetzt erfunden, um zu sehen, ob du anbeißt? Lasching, nun gut, das Verb laschen ist mir vertraut, Seemannssprache für das Festzurren von Ladung aller Art. Nunatak? Sastrugi? Nie gehört. Klingt, wenn überhaupt, nach Eskimosprache. Ja, ich weiß, nicht sehr piißii. Aber egal. Ab morgen sage ich Inuit. Versprochen. Nach längerer Überlegung schrieb ich also vorsichtig zurück:

Betreff: Re: Schöne Worte (2-4)
28. Februar 2010, 06:02 pm

Sehr gerne, lieber Norbert …

Das Problem ist bloß: Was sind das für Wörter? Noch nie gehört oder gar selbst verwendet. Seemannssprache? Eskimonesisch? Bitte um Aufklärung,
Gruß Kai

Und erhielt folgende Antwort:

Betreff: Re: Schöne Worte (2-4)
28. Februar 2010, 11:44 pm

Hallo Kai,
von allem.

Lasching ist Seemannssprache für alles, was die Ladung oder Geräte festhält, meistens Seile oder Gurte.
Nunatak ist eskimonesisch und steht für die Felsen, die aus dem Eis der Gletscher herausgucken, das, wo die Geologen so verzweifelt hin wollen dieser Tage (sogar Wikipedia weiss da was von).

Sastrugi ist ebenfalls eskimonesisch und steht für die Windrippel auf dem Schnee. Ähnlich wie die Wellblechpisten machen die das Fortkommen schwierig. Der Schnee ist also überhaupt nicht so glatt und weich, wie wir uns das aus dem milden Europa so vorstellen.

Gruß, Norbert

Das wäre also geklärt.

Nun ist es mit dem elegischen Wortedrechseln auf Bestellung so eine Sache. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen. Andererseits: Lanzelots Hofpoet, das klingt doch auch ganz edel. Elegisch edel.

So, jetzt aber genug der Abschweifung. Nunatak ist ein wirklich schönes Wort. Es hat was lautmalerisches. Ein breites, ausladend lang gesprochenes Nuuna-, dem ein spitz nach oben schnellendes -tak folgt. Wie ein vorwitziger Felsen, der aus einer weiten, unendlich weißen Fläche aufragt. Tak, da bin ich, deine Vertikale, du horizontal ausgebreitete Nunaebene.

Ich habe sie ins Herz geschlossen, bevor ich wusste, dass es Nunataks sind. Falscher Satz, ich weiß, der Plural von Nunatak heißt Nunatakker. Aber jetzt vergisst das keiner mehr, der diesen Text liest. Nu-na-tak-ker. Plural.

Ins Herz geschlossen habe ich sie bei unserem ersten Landausflug. Mit dem Hubschrauber zum Mount Murphy, einem nicht mehr aktiven Vulkankomplex. Der liegt am Rande des Crosson Ice Shelf, im östlichen Teil der Pine Island Bay. Zunächst 40, 50 Meilen vom Schiff aus über eine endlos scheinende Fläche: Das Schelfeis, aufgeworfen und verbogen und gebrochen und gezerrt und glatt geblasen vom Wind. Blendend hell mit blauen Spalten und dramatischen Schattenwürfen. Verkrustet und verspannt. Und überzogen von Sastrugi. Zu denen später, sonst kommen wir ja nie zu Potte hier. Den Berg im Sonnenglast als Ziel vor Augen, das nicht näher kommen wollte.

Mount Murphy

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