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	<title>Eis Blog</title>
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	<description>Eine Reise mit der Polarstern</description>
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		<title>zweiunddreißig</title>
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		<pubDate>Sun, 09 May 2010 12:45:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Borddelikatessen]]></category>
		<category><![CDATA[Bordsoziologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Freitag, 07.05.2010
15:40 MESZ.
Bordzeit: minus 1 Stunde.
Möhrenzeit. Nachtrag.
Ich hatte ja schon erwähnt, dass die Texte dieses Blogs während der Reise auch im Intranet der Polarstern zu lesen waren und für allerlei Reaktionen sorgten. Christina Streit zum Beispiel, Stewardess und seit fast genau 32 Jahren in Diensten der christlichen Seefahrt, hat mir eigene Texte und Beobachtungen geschickt [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Freitag, 07.05.2010<br />
15:40 MESZ.<br />
Bordzeit: minus 1 Stunde.</p>
<p><strong>Möhrenzeit. Nachtrag.</strong></p>
<p>Ich hatte ja <a href="http://kaivoigtlaender.de/?p=759">schon erwähnt</a>, dass die Texte dieses Blogs während der Reise auch im Intranet der Polarstern zu lesen waren und für allerlei Reaktionen sorgten. Christina Streit zum Beispiel, Stewardess und seit fast genau 32 Jahren in Diensten der christlichen Seefahrt, hat mir eigene Texte und Beobachtungen geschickt und eine Reihe von Karikaturen überlassen. Auch die werde ich demnächst hier veröffentlichen. Heute nur ein kleines Zitat nebst einem Foto aus einer Mail von Christina. Ich habe sie ein paar Tage nach der Geschichte über das Verschwinden der Frische aus den Lebensmitteln erhalten:</p>
<blockquote><p>Ich sage nur Weihnachten 2006. Weihnachten fällt auf diesem Schiff meistens in die Möhrenzeit. Manchmal aber auch in die Sauregurkenzeit. Das ist die Zeit nach der Möhrenzeit. Dann ist Schluss mit dem nervigen Knacken und Schnurpsen. Dann wird es weich, wabbelig und matschig, es wird süßlich sauer und salzig.</p>
<p>Die Sauregurkenzeit begann schon im Advent. Schokolade und ähnliches war allerdings reichlich vorhanden. Auf dem Festtagsbuffet alle eingelegten Köstlichkeiten der Welt kunstvoll arrangiert. Edelstes Fleisch und Krabbenschwänze auf Spiegeln zu Bildern drapiert und garniert mit DREI SALATBLÄTTERN!!! Weiß der Geier, wo die her kamen.</p>
<p>Ahnst du, was kommt? Nachdem der Koch den Aufbau des Buffets begutachtet hatte und wieder in der Kombüse verschwunden war, hat niemand die drei Blätter vermisst. Sie waren echt. Sie waren frisch. Und sie schmeckten richtig grün.</p></blockquote>
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<dt class="wp-caption-dt"><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/05/Salatblattparty.jpg"><img class="size-medium wp-image-900" title="Salatblattparty" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/05/Salatblattparty-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></dt>
<dd class="wp-caption-dd">Foto: Christina Streit</dd>
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		<title>einunddreißig</title>
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		<pubDate>Sun, 09 May 2010 12:07:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[25.04.2010
07:23 MESZ.
Bordzeit: minus 4 Stunden.
Es ist vorbei. Es geht weiter. 
Es ist vorbei. Vor zwei Wochen sind wir gelandet, an einem trüben und kühlen Morgen. Auf einmal lag Punta Arenas an Steuerbord, das Nest am Ende der Welt. Acht Uhr morgens: Die Sonne schickte zitronengelbe Streifen durch dunkelblaue Wolken. Neun Uhr morgens: Festmachen. Auf einmal [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>25.04.2010<br />
07:23 MESZ.<br />
Bordzeit: minus 4 Stunden.</p>
<p><strong>Es ist vorbei. Es geht weiter. </strong></p>
<p>Es ist vorbei. Vor zwei Wochen sind wir gelandet, an einem trüben und kühlen Morgen. Auf einmal lag Punta Arenas an Steuerbord, das Nest am Ende der Welt. Acht Uhr morgens: Die Sonne schickte zitronengelbe Streifen durch dunkelblaue Wolken. Neun Uhr morgens: Festmachen. Auf einmal tragen alle Offiziere Uniformen. Am Kai der ganz normale Betrieb eines ganz normalen Hafens. Eines kleinen Hafens. Das Ueckermünde der Südhalbkugel. Gabelstapler, Männer mit orangefarbenen Helmen. Ölverschmiert speckige Schutzkleidung, trübe Reflektoren. Spanische Satzfetzen.</p>
<p><span id="more-870"></span></p>
<p>Es ist vorbei. Vorbei das Schaukeln. Vorbei das Vibrieren in den Wänden, das Tuckern und Rütteln der Maschine. Kein Bugstrahlruder lässt das Schiff mehr zittern. Vorbei das Wasser mit Variationen, eingeklappt die blaugraugrüne Farbkarte, mit der uns der Ozean neun Wochen lang überrascht hat, im Stundentakt, im Rhythmus der Tage. Vorbei das Gefühl der Energie, mit der das Schiff das Wasser zerteilt hat. Endlose Bewegung, klatschende Gischt und peitschende Welle.</p>
<p>Das Ankommen dauert an. Noch hat sich das Zeitgefühl nicht eingetaktet. Ich reagiere langsamer, bin mehr in mir unterwegs als draußen in der Welt. Fast zwei Wochen lang keine Nachrichten gehört. SPIEGEL ONLINE, Twitterfacebook und das alles erst vor ein paar Tagen wieder angefasst. Ich soll Seminare vorbereiten. Was sind gleich noch mal Seminare? Geblieben ist: ein anderes Körpergefühl, eine andere Aufmerksamkeit für Bewegungen. Im Flugzeug nach Deutschland, im Auto, im Zug. Sehnsucht nach Unterwegs-Sein.</p>
<p>Wie war‘s? Schöne Frage. Fragen Sie mich in drei Jahren noch mal.</p>
<p>Es ist vorbei. Es geht weiter.</p>
<p>Neulich in Hamburg habe ich eine Ausstellung mit Fotos von <a href="http://fokussiert.com/2010/04/25/herbert-ponting-im-reich-des-eises/">Herbert Ponting</a> besucht, dem Fotografen der Scott-Expedition von 1910-1912. Traumhaft schöne Schwarzweiß-Fotografien, Platin-Drucke nach den originalen Glasnegativen, detailreich komponierte Landschaften, auf Metergröße aufgezogen, sündhaft teuer. Ein Bild war dabei, das mich ganz innen angefasst hat: Blick über den Bug auf die See, wogend bewegt mit Schaumkronen, Panoramahorizont. Auf einmal war alles wieder da.</p>
<p>Was bleibt? Was werde ich vermissen? Wen und was mir auf keinen Fall zurückwünschen? Keine Ahnung. Die Erinnerung entwickelt den Film, den das Leben belichtet. Hat Max Frisch geschrieben, sinngemäß, ich finde die Stelle jetzt grad nicht. Irgendwo in den Tagebüchern. 1966-1971, glaube ich. Schöner Satz. Noch zwanzig Jahre Digitalfotografie, dann versteht den auch keiner mehr.</p>
<p>Die Idee, dass zwischen einem Erlebnis und der Gedächtnisspur, dem inneren Bild dieses Erlebnisses mehr Zeit verstreichen muss als die Millisekunde, in der die Lamellen der Kamera den Vorhang aufziehen und den Lichtblitz einlassen. Die Idee, dass die Sensoren, die Messfühler, die Verarbeitungsinstrumente unseres Bewusstseins nicht Schritt halten mit der Reisegeschwindigkeit eines Airbus A 340.</p>
<p>Das würde ich jetzt gerne bei Christoph Ransmayr nachlesen. Die Schrecken des Eises und der Finsternis. Seine ganze Einleitung hat er der Ungleichzeitigkeit gewidmet, die sich beim Reisen zwischen Körper und Seele schiebt. Geht aber auch nicht. Der Ransmayr ist noch an Bord. Er hat, so klug wie angemessen, die Schiffspassage gewählt und reist zusammen mit unserer Polarforscherbibliothek in einem Pappkarton auf der Polarstern nach Bremerhaven. Weil wir keine Lust und keinen Platz mehr hatten, das auch noch in die Koffer zu stauen.</p>
<p>Was bleibt? Sehen wir den Fakten ins Auge, opfern wir dem Gott der Datensammler, Faktenjäger und Statistikfetischisten. Was bleibt, sind eine Menge Zahlen.</p>
<ul>
<li>Reisedauer von Wellington bis Punta Arenas: 69 Tage</li>
<li>Gesamtlänge der Reise: 10858 nautische Meilen oder 20109 Kilometer.<br />
(Nimmt man die Flugstrecken Berlin-Wellington und Punta-Berlin dazu, dann haben wir tatsächlich einmal den Globus ganz umrundet.)</li>
<li>Mails verschickt: 338</li>
<li>Anzahl der Wetterberichte an Bord: 132</li>
<li>Sedimentkerne gezogen: 68</li>
<li>Verbrauch Toilettenpapier: 1309 Rollen<br />
davon Mannschaft: 594 Rollen<br />
Wissenschaftler: 715 Rollen</li>
<li>Südlichster Punkt: 74°57,5‘ S, 101°44,8‘ W<br />
erreicht am 1. März 2010, 02:00 Uhr Bordzeit</li>
<li>Wärmeflussmessungen: 29</li>
<li>Verbrauch Dieselkraftstoff: 1892 t MDO (Marine Diesel Oil)<br />
(das entspricht einem Verbrauch von rund 28 t pro Tag)</li>
<li>Wissenschaftliche Stationen: 157<br />
(auf denen diverse Geräte zum Einsatz kamen)</li>
<li>Gefiltertes Seewasser: 2500 Liter</li>
<li>Flüge zur Messung magnetischer Anomalien: 22196 Kilometer</li>
<li>Helikopterflugstunden: 184</li>
<li>Länge des seismischen Profils: 5032 Kilometer</li>
<li>Zahl der beobachteten Seevögel und Säuger: 1500</li>
<li>Fleischverzehr: ca. 250 g je Person und Tag</li>
<li>Mails erhalten: 316</li>
<li>Fotos in meinem Polarstern-Ordner: 1556</li>
<li>Cassetten mit Rohmaterial: 71</li>
</ul>
<p>Es ist vorbei. Vorbei heißt: Sortieren. Sichten. Sedimentieren. Die Räume offen lassen, in denen sich Erinnerung bildet.</p>
<p>Es geht weiter. Noch gibt es unerzählte Geschichten, nicht aufgeschriebene Gedanken. Und, siehe oben, einige wenige unveröffentlichte Fotos. Dieser Blog geht weiter. Mindestens solange, bis unser Film ausgestrahlt wird. Oder das Eis geschmolzen ist.</p>
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		<title>dreißig</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Apr 2010 17:34:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Lehrmeister Pazifik]]></category>

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		<description><![CDATA[25.3.2010
21:45 Bordzeit
Überwältigungsarchitektur.
Gut, dass Luxusyachten gemeinhin nicht eistauglich sind. Wären sie es, und ein russischer Neureicher vom Schlage Roman Abramowitschs würde zwischen antarktischen Eisbergfeldern und der Schelfeiskante der Pine Island Bay kreuzen: er würde wahrscheinlich sofort seine güldene Kreditkarte zücken und nach dem Architekten telefonieren lassen.
Das Eis baut. Kathedralen, Eingangsportale, überkuppelte Fußballstadien. Start- und Landebahnen, neben [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>25.3.2010</p>
<p>21:45 Bordzeit</p>
<p><strong>Überwältigungsarchitektur.</strong></p>
<p>Gut, dass Luxusyachten gemeinhin nicht eistauglich sind. Wären sie es, und ein russischer Neureicher vom Schlage Roman Abramowitschs würde zwischen antarktischen Eisbergfeldern und der Schelfeiskante der Pine Island Bay kreuzen: er würde wahrscheinlich sofort seine güldene Kreditkarte zücken und nach dem Architekten telefonieren lassen.</p>
<p>Das Eis baut. Kathedralen, Eingangsportale, überkuppelte Fußballstadien. Start- und Landebahnen, neben denen der Frankfurter Flughafen zum Ponyhof schrumpft. Sprungschanzen und Rutschbahnen. Kühn geschwungene Flächen mit Linien, die an Spannbetonbauten erinnern. Der Teepott von Warnemünde in Eis. Steil aufragende Kanten. Zerbrochene Riesenmotoren mit Kühlrippen, abgeschliffen vom Wellenschlag.</p>

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<p><span id="more-837"></span></p>
<p>Stadtlandschaften aus Tafeleisbergen. Einer neben dem anderen, so weit das Auge reicht. Enge Durchfahrten, zu beiden Seiten ragen schroff auseinandergerissene Flächen auf. Blau gezackte Gebirgszüge. Manchmal leuchtet am Horizont ein Kirchturm auf, spitz in den Himmel weisend. Wie kann der sich halten?</p>
<p>Als wir vor der Schelfeiskante lagen, 28. Februar 2010, Pine Island Bay, am Ausfluss des Gletschers, und die Sonne gegen Mittag den Seerauch weggeblasen hatte: da tat sich vor uns eine sanfte Rundung auf. Ein kilometerlang geschwungener Bogen. Als wolle das Eis die Wasserfläche einfassen. Die Eiskante: Ein hell funkelnder weißer Körper, das tiefe Dunkelblau begrenzend. Wohl 35 bis 40 Meter hoch, gegliedert durch Rundbögen, vom Wasser ausgeleckte Rundbögen. Mit treppenartig zurückspringenden Stufen, von der Sonne eingeschmolzen und ins Eis gefräst. Sakral. Der Petersplatz in Eis. Nur unvorstellbar viel größer. Mächtiger. Gewaltiger.</p>
<p>An unserem Maß gemessen, ist alles maßlos, was das Eis baut. Der diensthabende Nautiker auf der Brücke hat mal einen der Tafeleisberge vermessen, denen wir begegnet sind auf unserer Reise. Spaßeshalber. Sechs Kilometer breit, und am Punkt seiner höchsten Erhebung rund 90 Meter hoch. Über Wasser. Ein einziger Eisberg. Und der sichtbare Überwasserkörper eines Eisbergs macht nur etwa ein Fünftel bis ein Siebtel der Masse aus. Mag sich jeder selbst ausrechnen, wie tief der Koloss unter Wasser reicht und ragt. Wieviel Wasser in ihm gebunden ist, wieviel Erinnerung auch: an wechselnde Klimabedingungen, an Wetterumschwünge. Wie langsam und mühselig er seine Kubikkilometer fortbewegt ü̈ber die flachen Gewässer des Kontinentalschelfs. Die Flut hebt ihn an, die Ebbe lässt ihn aufsetzen. Immer wieder aufgehalten von Bodenwellen und Erhebungen, schiebt er sich vorwärts, kratzt, schabt, schleift, rutscht und drückt berstend in die Tiefsee.</p>
<p>Auch das Wort ‚Gletscherʻ klingt niedlich hier. Dreißig, fünfzig Kilometer breit schiebt das ins Meer, was sie hier Gletscher nennen. Ein mächtiger Eisstrom fließt vom Festland herunter, drückt das Eis aufʻs Wasser, bis es in großen Tafeln abbricht. Drei Kilometer pro Jahr, hier in der Pine Island Bay. Wo die Schmelzraten besonders hoch sind zur Zeit. Die höchsten in der ganzen Antarktis. Und allein in der Bay reiht sich einer dieser Eisströme an den nächsten: Pine Island-Gletscher und Thwaites-Gletscher und Smith-Gletscher und Kohler-Gletscher &#8230;</p>
<p>Die Dimensionen: Unvorstellbar für ein Menschenbewußtsein. Im Raum wie in der Zeit. Jahrtausendelang hat es geschneit in der Antarktis. Schichtweise türmten sich die Flocken auf. Meter um Meter fallender Schnee verpresste die darunter liegenden Lagen zu Eis. Immer mehr, immer höher, bis die ganze Masse ins Rutschen geriet und nach vorne schob. Zum Wasser hin, wo der Eiskörper aufschwimmt und abbricht und bröselt, immer wieder das Nachschiebende als Tafeleisberge ins Meer entlässt. Kilometerbreite, hunderte von Metern hohe, massige Körper, die Jahrtausende von antarktischen Niederschlägen verdichten zu einem Eisberg. Der auf die Reise geht ins Wasser, wo er sich Flocke für Flocke wieder auflösen wird.</p>
<p>Die Dimension ist das eigentlich Unbegreifliche. Mit dem Hubschrauber hochsteigen auf tausend Fuß, und bis zum Horizont ist in alle Richtungen nur Eis zu sehen. Und zu wissen: Hinter dem Horizont geht es weiter, genau so: Eisfläche und Eisschollen, Tafeleisberge und Eisströme &#8230; Jedes Jahr wächst das Meereis während des antarktischen Winters rund um den Kontinent auf 20 Millionen Quadratkilometer an, und jedes Jahr im Januar, während des antarktischen Hochsommers, ist es auf rund 2 Millionen Quadratkilometer zusammengeschmolzen. 20 Millionen Quadratkilometer &#8211; jeden Winter wächst diese Eislandschaft auf die doppelte Größe Europas.</p>
<p>Gigantisch, maßlos, unbegreiflich &#8211; die üblichen Formulierungen der begriffslos staunenden Überwältigungsrhetorik drängen sich auf. Der kleine Mensch vor diesen gewaltigen Landschaften. Geworfen in die leere Endlosigkeit der Eiswüsten. Erschüttert von der Gleichgültigkeit der sich immer wieder erneuernden Natur. Aber auch das ist schon wieder aufgeladen von Projektionen, die sich am menschlichen Maß ausrichten. Gleichgültigkeit? Die würde ja irgendein Wollen, würde Absicht, Zweck, Interesse voraussetzen. Würde bedeuten, dass sich irgendetwas ausdrückt in diesen Eisformationen. Aber diese Landschaften sind zweckfrei. Interesselos. Ein interesseloses Spiel der Kräfte.</p>
<p>Interessant, wie beim Schauen und Betrachten das Begriffsrepertoire des Idealismus auftaucht. Wie sich das Vokabular der Empfindsamkeit ins Bewußtsein drängt. Anmut und Würde. Erhabenheit. Ergriffen sein. Wann habe ich das zum letzten Mal gesagt, gedacht, geschrieben?</p>
<p>Es war ergreifend, auf dem Kay Peak zu stehen, 75° Süd, 110° West, 709 Meter hoch, Vorgebirge von Mount Murphy: Und nichts zu hören. Absolut nichts. Keinen Laut, keinen Flügelschlag, keinen Windhauch, kein Rauschen &#8211; nur absolute Stille. Unterbrochen nur vom eigenen Atem. Und vom Eigengeräusch der Kamera.</p>
<p>Es war ergreifend, sich nachts im Polarstrampler aufs Peildeck zu legen, bei klirrender Kälte, wolkenlosem Himmel und klarer trockener Luft. Um sich in den Sternen zu verlieren. Kein Lichtsmog, keine Störstrahlung. Nur Myriaden von Sternen, funkelnd auf schwarzem Samt &#8211; und das leise Blubbern der Maschine.</p>
<p>Es war ergreifend, nachts auf der Brücke zu stehen und in die Finsternis zu starren, die undurchdringliche Schwärze, wissend: Hier ist nichts und niemand, auf Tausende von Seemeilen einfach nichts, nur 5000 Meter Wasser unter uns &#8211; und dieses Staubkörnchen-im-Weltall-Gefühl zu fühlen und auszuhalten.</p>
<p>Bevor ich mich jetzt von meiner eigenen Ergriffenheit ergreifen lasse: Antarktika ermöglicht eine Erfahrung, die in dieser extremen Form sonst kaum irgendwo möglich ist auf der Erde. Die Erfahrung einer Natur an und für sich. So wenig von Menschen gestaltet, von Menschen beeinflusst, von Menschen unterworfen wie kaum ein anderer Fleck auf dem Globus.</p>
<p>Das ist beeindruckend. Das ist überwä̈ltigend. Das ist ergreifend.</p>
<p>Zum Glück kann man das nicht kaufen.</p>
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		<title>neunundzwanzig</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Apr 2010 07:34:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Borddelikatessen]]></category>

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		<description><![CDATA[28.03.2010
09:23 Bordzeit
Möhrenzeit.
Ich habe heute von Salat geträumt, sagt Laura beim Frühstück. Mit Tomaten. Also, nicht das Frühstück hatte die Tomaten. Aber der Traum. Das beschreibt das Problem.
Wenn Träume dieser Art in den Tag hinein flüstern und als Gesprächsstoff über den Tischen in der Messe kreisen, dann weiß der erfahrene Polarsternfahrer zweierlei: Die Hälfte der Reise [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="padding-left: 30px;">28.03.2010</p>
<p style="padding-left: 30px;">09:23 Bordzeit</p>
<p><strong>Möhrenzeit.</strong></p>
<p>Ich habe heute von Salat geträumt, sagt Laura beim Frühstück. Mit Tomaten. Also, nicht das Frühstück hatte die Tomaten. Aber der Traum. Das beschreibt das Problem.</p>
<p>Wenn Träume dieser Art in den Tag hinein flüstern und als Gesprächsstoff über den Tischen in der Messe kreisen, dann weiß der erfahrene Polarsternfahrer zweierlei: Die Hälfte der Reise ist rum. Und: Die Möhrenzeit ist da.</p>
<p><span id="more-818"></span></p>
<p>Erst gingen die Pflaumen. Saftige, runde, rotfleischige Pflaumen aus Neuseeland. Dann verschwanden die kleinen, grünen Weintrauben. Die frischen, gehackten Kräuter zum Frühstück: Eines Morgens waren sie weg. Ohne sich zu verabschieden. Auf und davon die Tomaten. Kleine, rotwangige, leuchtende Cocktailtomaten. Mit Biss. Mit Aroma. Diesem unvergleichlich säuerlichen, geschmacksreichen &#8230; Schluss! Zieh ab, fiese Sinnestäuschung! Als nächstes gingen die Gurken von Bord. Ziemlich lange hielten die rotgrüngelben Paprikastreifen durch. Dann waren auch sie gone with the waves. Die Salatblätter hatten schon Wochen zuvor aufgegeben.</p>
<p>Geblieben sind: Möhren.</p>
<p>Möhren, Möhren, Möhren.</p>
<p>Möhrenmöhrenmöhrenmöhren. Jeden Abend funkeln sie blassorange und drohend auf dem kalten Büffet. Wer in eine dieser Baumvorstufen beißt, sorgt noch am Nachbartisch für messbare seismische Erschütterungen. Eigentlich müssten die süßen kleinen Möhrchen <em>Backenbrecher</em> heißen, nicht so ein harmloser Steinzerstäuber. Jedes Krachen der Kauwerkzeuge erinnert an eine vor kurzem ausgestorbene Spezies: Frische Lebensmittel. Ja sagt Petra dann, die Chefstewardess, das ist die Möhrenzeit. Und lächelt fein.</p>
<p>Ach ja, Äpfel haben wir auch noch. Äpfel, aus deren knallgrün spiegelglatter Schale ein leiser Soundtrack diffundiert: Willkommen zur Werksführung &#8230; Ein Produkt der chemischen Industrie &#8230; &#8230; brizzel &#8230; Unsere naturidentischen Aromastoffe &#8230; brizzel &#8230; seit vielen Jahren &#8230; knarz &#8230;  geschmacksbefreit &#8230; (Rest unhörbar)</p>
<p>Der Exodus der Frische kommt schleichend. Er ist nicht aufzuhalten. Sauerkonserven haben die Macht am Abendbüffet übernommen. Eingelegte Paprika und Sauerkraut, Salzgurken und Senfgurken. Oh, ein Häppchen Gewürzgurken noch? Mixed Pickles. Silberzwiebeln, kleine Maiskölbchen. Peperoni. Pilze. Rote Bete. Marinierte Heringe. Offenbar kann man fast alles in Essig tunken. Konservieren heißt, haltbar machen, ach ja.</p>
<p>Wie überall, wo der Mangel herrscht, blühen auch hier die Gerüchte. Und die Geschichten von den noch schlimmeren Zeiten. Damals, diese Fahrt, als es im Shop keine Schokolade mehr gab, weiß du noch? Die nächtlichen Exkursionen zum Nutellaglas in Messe zwei? Erwachsene Menschen, die mit einem Löffel in eben jenem Glas ertappt wurden und verschämt etwas von akuter Unterzuckerung murmelten?</p>
<p>Petra, die Herrscherin über alle Shops an Bord (zu Ostzeiten hieß so etwas <em>Verkaufseinrichtung</em>. Das trifft es auch besser), weiß von Hamsterkäufen zu berichten, als nur das Gerücht aufkam, das Bier sei bald alle.</p>
<p>Sie selbst (seit 1996 fährt sie auf der Polarstern, zur See aber schon ein paar Jahre länger) ist eine Art Messinstrument, ein Seismometer für gesellschaftliche Verschiebungen, auch wenn die selten mit der Gewalt von Erdbeben daher kommen. Bier, sagt sie und fährt mit dem Zeigefinger über die säuberlich notierten grünen, roten und blauen Zahlenkolonnen in ihrem Verkaufsbuch &#8211; eine lückenlose Statistik der Trinksitten auf der Polarstern. Bier, Antarktisreise 1996, in 16 Wochen haben wir 600 Kisten und 83 Fässer Bier verbraucht. Und auf dieser Fahrt? Blättern, Suchen. Wieder wandert der Finger über die ordentlich ausgerichteten Zahlen. 660 Kisten in 22 Wochen, dazu 56 Fässer. Nur 56 Fässer, sagt sie. Und dass sie vorher nie weiß, wieviel Bier sie brauchen wird. Das hängt auch von der Art der Fahrt ab.</p>
<p>Aber bevor wir jetzt über die unterschiedlichen Trinksitten von Geologen, Glaziologen und Biologinnen zu spekulieren beginnen, wenden wir uns lieber dem nüchternen Wasser zu. Mineralwasser, Stilles Wasser, Sprudel: 1996 haben sie 281 Kisten verkauft, oder 2529 Liter. Auf dieser Reise waren es bis Ende März 675 Kisten oder 6075 Liter. Fast verdreifacht hat sich der Mineralwasserverbrauch auf der Polarstern im Vergleich zu 1996. Ja, sagt Petra, damals sind auch noch nicht alle mit der Wasserflasche unterm Arm ins Büro gerannt.</p>
<p>Gut beobachtet. Der Bierkonsum stagniert oder geht leicht zurück, der Wasserverbrauch steigt und steigt: Darin ist unser Polarfahrerdorf ein genaues Ebenbild der Welt da draußen.</p>
<p>Kleine Anmerkung zur Verdeutlichung: Wenn Petra von Reise spricht, dann meint sie nicht die Fahrt, die wir am 29. Januar in Wellington begonnen haben. Das ist ja schon der dritte Abschnitt von ANT XXVI, was der offizielle Titel der Expedition ist. Antarktisreise Nummer 26 der Polarstern. Unser Abschnitt heißt demzufolge ANT XXVI/3. Die Reise, die richtige, die ganze Reise hat am 16. Oktober 2009 in Bremerhaven begonnen und wird dort wieder enden, am 10 Mai 2010. Nur mit dieser Reise rechnet sie.</p>
<p>Petra liebt es gar nicht, wenn ihre Vorräte knapp werden. Wenn etwas ausgeht, wie auf dieser Reise der Rotwein. Schon vor Wochen hat sie die letzten Flaschen verkauft. Finito bis Punta, steht auf der Preisliste vor der Verkaufseinrichtung. Das ist ihr noch nie passiert. Auf Kammer gehortete Rotweine werden hoch gehandelt, entwickeln sich zur Zweitwährung. Petra leidet. Den Leuten immer sagen zu müssen: Gibt‘s nicht mehr.</p>
<p>Erinnert sie an die Ham-wa-nich-Kultur des Ostens.</p>
<p>Als nächstes könnten die Schokoladevorräte abschmelzen. Schokolade: Heller, schwarzdunkler, gefüllter, getrüffelter, mit Nüssen versetzter, süßer Glückshormonspender in antarktischer Nacht und Kälte. Alles weg. Mit tausend Tafeln sind sie in Bremerhaven gestartet, geblieben sind ein paar Restbestände. Sorte Spekulatius. Und in Punta kann sie nichts nachkaufen. Petra leidet.</p>
<p>Matthias leidet nicht. Er managt. Matthias ist Koch, Herrscher über die Gemüselast und die Fleischlast und alle anderen Lasten, aus denen Tag für Tag, Abend für Abend all das hervorquillt, was die 96 Mitfahrer verspeisen. Last heißt es nicht, weil die drei aus der Kombüse täglich tonnenschwere Kisten und halbe Schweine buckeln müssen. Last ist ein Seemannswort für  jede Art von Vorratskammer. Wenn Du in die Gemüselast gehst, bring doch bitte die Kiste mit den Möhren rauf. So reden sie in der Kombüse.</p>
<p>Doch, ein kleines bisschen leidet Matthias auch. Zehn-Wochen-Reisen sind ein Graul, sagt er, und der Graul klingt aus seinem Mund wie das Nachtgespenst in einem isländischen Schauermärchen. Frisch kann man Lebensmittel vier Wochen halten, einige auch fünf. Bananen halten längst nicht so lange. Zehn, höchstens zwölf Tage. Dann ist es vorbei. Dann fangen die Kunststücke mit den Mohrrüben an, sagt er, grinst und streicht über seinen rasierten Schädel. Zu Fahrtbeginn war die Gemüselast voll bis unter die Decke, sagt er noch. Und was steht da jetzt noch drin? Ne Kiste Äppel und 20 Zitronen.</p>
<p>Am Anfang viel geben, das ist eine seiner Strategien. Alles Frische raushauen, damit keine Mangelerscheinungen auftreten. Die Leute fürs Essen begeistern durch die Art der Präsentation. Was gut aussieht, wird gern gegessen. Noch wichtiger aber: ein kluges Vorratsmanagement. Jeden Abend durch die Lasten streifen und gucken: Was muss raus? Was hält noch ein paar Tage? Den Überblick behalten.</p>
<p>Wenn man Matthias zuhört, dann wird Kochen zum Rechenkunststück. Er weiß, wieviel Päckchen Kaffee noch da sind und wieviel Trockenhefe. Und er achtet darauf, dass im Brötchenteig nicht zu viel Hefe verschwindet (60 Gramm pro Mischung, nicht mehr), sonst ist es irgendwann vorbei mit den frischen Brötchen. Er verteilt immer die gleiche Anzahl von Kaffeepäckchen über die Decks, 24. Und beobachtet dann, wie lange der Vorrat reicht. In einer Woche fünf Tage, in einer anderen ist der Kaffee erst nach sieben Tagen alle. Er zählt die Schnitzelscheiben und die Koteletts, wenn er sie vom Strang herunterschneidet. Er weiß, dass gegen Fahrtende mehr Ketchup verbraucht wird. Das Angebot ist nicht mehr so reichhaltig, sagt er, dann machen sich die jungen Leute Käsebrötchen mit Ketchup und solche Sachen.</p>
<p>1200 Liter Milch gehen weg auf einer Fahrt, eine Tonne Kartoffeln, 120 Flaschen Ketchup, 200 Kilo Pommes. Pro Person rund 240 Gramm Fleisch, aber das ist eine Milchmädchenrechnung, denn da sind noch die Vegetarier drin. Die eher in Kreisen der Wissenschaft zu finden sind. Die Mannschaft liebt es deftig. Wenn Mario, der Kochsmaat mit dem Suppenhändchen, einen Reissalat fürs Abendbüffet anrichtet, dann weiß Matthias schon: In Messe zwei, bei den Wissenschaftlern, wird die Schüssel leer. In Messe eins wird sie wahrscheinlich unberührt zurück kommen. Naja, vielleicht fehlen ein, zwei Löffelchen.</p>
<p>Alles das: Die ganze Verpflegung, die Vielfalt am Morgen und bei den abendlichen Büffets, zwei Grillabende mit Straußensteak und Springbockkeule sowie die Knabbersachen fürs Zillertal inklusive, dazu Kaffee und Tee in den Messen, von denen jeder trinken kann, soviel er will &#8211; alles das schaffen die Köche für einen Verpflegungssatz von 6 Euro 50, pro Person, pro Tag. Respekt.</p>
<p>Letzte Nachricht von der Frischefront: Die Möhren sind jetzt auch weg. Wird Zeit, dass wir ankommen.</p>
<p>Aber keine Angst, liebe Angehörige. Schickt keine Care-Pakete. Die landen sowieso nur auf der Pinguinscholle. Niemand droht zu verhungern. Wir werden ausgezeichnet versorgt. Akuter Skorbut ist auch noch nicht beobachtet worden.</p>
<p>Wobei &#8230; Wenn ihr den Heimkehrenden etwas Gutes tun wollt bei der Rückkehr: Vielleicht könntet ihr am Flughafen stehen und mit einem winzigen, einem einzigen, einem durch und durch grünen, einem frischen Salatblatt winken?</p>
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		<title>achtundzwanzig</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2010 06:53:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Dienstag, 30.3.2010
19:55 Bordzeit
Containermodus.
Wir haben unseren letzten Eisberg gesehen. Dachten wir jedenfalls. Gestern nachmittag, 61°45‘ Süd. Die Gischt klatscht regelmäßig gegen die Panoramafenster auf der Brücke. Das ganze Schiff ein einziges Schaukeln. Hoch auf die Welle, runter ins Tal. Der Bug taucht tief in die krachenden Seen. Schießt salzige Fontänen hoch aufs Peildeck. Ringsum aufgewühltes Wasser, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="padding-left: 30px;">Dienstag, 30.3.2010<br />
19:55 Bordzeit</p>
<p><strong>Containermodus.</strong></p>
<p>Wir haben unseren letzten Eisberg gesehen. Dachten wir jedenfalls. Gestern nachmittag, 61°45‘ Süd. Die Gischt klatscht regelmäßig gegen die Panoramafenster auf der Brücke. Das ganze Schiff ein einziges Schaukeln. Hoch auf die Welle, runter ins Tal. Der Bug taucht tief in die krachenden Seen. Schießt salzige Fontänen hoch aufs Peildeck. Ringsum aufgewühltes Wasser, grauer Himmel, Sturm. Da taucht der Eisberg auf, treibt backbord vorbei. Letzter Gruß aus der Antarktis.</p>
<p><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus1.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-791" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus1-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p>Passt gut zur Abschiedsstimmung. Seit Tagen laufen wir nördliche Kurse. Erst nordwestlich, gegen die Wellen anrollend &#8211; ganz schlecht. Grausames Geschaukel, Bachstelzentango, entfesselte Objekte im Raum, zerdepperte Gläser. Jetzt nordöstlich, die Welle im Rücken &#8211; wundervoll ruhig, wie Surfen, die Wellen rollen am Schiff vorbei. Wir können mal wieder ein paar Stunden schlafen, ohne ständig von noch nie gefühlten Schüttelschaukelrüttelrollbewegungen aufzuschrecken.</p>
<p>Unser Wetterbericht verheißt für die nächsten Tage wenig Gutes:</p>
<p>Polarstern befindet sich an der Nordflanke eines Sturmtiefs 960 hPa bei 66S / 124W, das sich unter leichter Abschwächung nach Osten verlagert.<br />
Vorhersage bis Dienstagfrüh: Wind um West 7 bis 8, zeitweise 9 Bft. Seegang um 7 m. Ein paar Schauer, sonst mittlere bis gute Sicht.<br />
Aussichten bis Dienstagabend Wind um West um 8 Bft, später etwas nachlassend 7 Bft. Seegang um 7 m. Sicht teils durch Niederschlag reduziert.<br />
Trend bis Donnerstagabend Wind um West um 7 Bft, zum Donnerstag auf 5 bis 6 Bft nachlassend. Seegang anfangs um 6, später um 4 m.</p>
<p><span id="more-789"></span></p>
<p>Das wissenschaftliche Programm ist so gut wie beendet. In allen Laboren hat das große Packen begonnen. Proben, Rechner, Papiere, Karten &#8211; alles wandert in große, silbrig glänzende, abgestoßene Zargeskisten. Oder in Kühlcontainer. Im Aufzug hängen Papiere des Cargo Mate, des Ladungsoffiziers aus. Bis dann und dann die Frachtliste. Nur auf den Vordrucken aus dem Intranet. Für chemische Abfälle ist eine IMO-DG Deklaration anzufertigen. Abgabe bis Freitag, 16 Uhr 15. Der Bootsmann weist Container zu. Luftfracht müssen Sie selbst bezahlen.</p>
<p>In den Treppenhäusern hängt der Funker bunte DIN-A-4-Zettel aus: Zollerklärung Punta ausfüllen. Letzte Postkarten mit Stempel am Samstag. Letzte E-Mail am Sonntag. Alle Accounts werden abgeschaltet. Zahltag für Getränke: Sonntag, 16 Uhr. Schluss mit lustig. Am Freitag ist Laborabnahme. Vorher muss noch geputzt werden.</p>
<p>Auf dem Helideck schrubben die Piloten ihr Arbeitsgerät. Das sieht lustig aus. Vati putzt am Samstagnachmittag die Familienkutsche. Im Radio läuft die Bundesliga.</p>
<p><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus2.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-792" title="Containermodus2" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus3.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-793" title="Containermodus3" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus3-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus4.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-794" title="Containermodus4" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus4-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<p>Die Wissenschaft hat nicht mehr viel zu melden. Die Mannschaft hat in den Containermodus umgeschaltet. Containermodus heißt verschärftes Zack Zack, ab in den Hafen, ohne Fisimatenten. Da die Mannschaft größtenteils Containerschiffe gefahren hat, ist Pünktlichkeit die oberste Göttin. Jede Minute Liegezeit kostet schließlich Geld. Wir sind für acht Uhr morgens in Punta angekündigt, und wir werden um acht Uhr morgens in Punta liegen. Vielleicht ein paar Minuten früher. Aber auf keinen Fall eine Minute später.</p>
<p>Neulich beim Abendmeeting erzählte der Kapitän, ein japanischer Hafen habe eine Statistik geführt über die Pünktlichkeit der Reedereien, die diesen Hafen anlaufen. Sieger in der Statistik war die dänische Maersk-Reederei. Deren gesamte Flotte hatte im Laufe eines Jahres eine Verspätung von sechs Minuten angesammelt. Sechs Minuten. Im Jahr. Alle Schiffe. Ohne allzu selbstkritisch werden zu wollen: Eine Verspätung von sechs Minuten häufe ich in jeder beliebigen Viertelstunde meines Alltags an. Ohne Schiffe. Weia. Vielleicht sollte man die Deutsche Bahn mal ein paar Reedereien überlassen?</p>
<p>Es war das gleiche Meeting, bei dem Karsten eine Liste der Laborverantwortlichen an die Wand beamte. Also derjenigen, die in ihren Labors dafür verantwortlich sind, das Aufräumen und Saubermachen zu organisieren. Unter <em>Wissenschaftlicher Arbeitsraum Deck A Mitte</em> stand da <em>Kai Voigtländer</em>. Ich sollte mir die Liste mitnehmen. Wahrscheinlich das einzige Mal in meinem Leben, dass ich als Verantwortlicher eines Labors geführt werde. Nun gut, ich werde in meiner Kleingruppe das Reinigen unseres Kamera- und Techniklagers überwachen.</p>
<p>Wenn ich mich an die folgenden, im Intranet unter <em>Laborreinigung</em> publizierten Regeln halte, kann ja nicht viel schief gehen:</p>
<p>„<span style="color: #ff0000;">Abnahme der Labore</span> durch 1.Offizier und Fahrtleiter erfolgt am <span style="color: #ff0000;">Freitag, den 02. April um 15:00 Uhr</span>. Die Laborverantwortlichen sind während der Abnahme in ihren Laboren anwesend! In Rücksprache mit dem 1. Offizier ist eine vorzeitige Abnahme der Labore gerne möglich.</p>
<p>Folgende Räume, Labore und Container sind zu reinigen:<br />
- alle benutzten Trockenlabore sowie Chemielabor und Nasslabor I<br />
- Pförtnerloge<br />
- Fotolabor<br />
- wissenschaftlicher Arbeitsraum und Aerologielabor im A-Deck<br />
- der Rechner-Userraum<br />
- der Windenleitstand<br />
- das Nasslabor II<br />
- wissenschaftliche Kühlräume</p>
<p>In den Laboren sind zu reinigen:<br />
- Tische und Arbeitsflächen, scheuern<br />
- Befestigungsschienen aussaugen<br />
- Schubladen und Schränke<br />
- Fußboden, scheuern<br />
- Türbereich<br />
- Abflussbecken und Armaturen<br />
- Kühlschränke usw.“</p>
<p>Das bringt mich auf einen anderen Gedanken: In der Blogwerkstatt muss auch dringend gefegt und aufgeräumt werden. Noch vier, fünf angefangene Texte, ein Haufen Gedanken und Ideen, dazu Unmengen von unsortierten Fotos. Also, Blogmatrose Voigtländer, kein Rumgeeiere mehr. Texte laschen, Gedanken hieven, 3 Meter pro Sekunde, alle Winden volle Kraft voraus. Zack Zack, ran an den Rechner!</p>
<p>Heute mittag kam übrigens der nächste letzte Eisberg vorbei. 13 Uhr 30, 60°14‘ Süd. Er leuchtete in der Sonne. Um 16 Uhr 20 haben wir den 60. Breitengrad passiert. Für uns ist die Antarktis Geschichte. Mal sehen, was die Eisberge dazu meinen.</p>
<p><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus5.jpg"><img class="aligncenter size-medium wp-image-795" title="Containermodus5" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/04/Containermodus5-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a></p>
<a class="a2a_dd addtoany_share_save" href="http://www.addtoany.com/share_save?linkurl=http%3A%2F%2Fkaivoigtlaender.de%2F%3Fp%3D789&amp;linkname=achtundzwanzig"><img src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/plugins/add-to-any/share_save_120_16.png" width="120" height="16" alt="Share/Bookmark"/></a>]]></content:encoded>
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		<title>siebenundzwanzig</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2010 06:17:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schöne Worte]]></category>

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		<description><![CDATA[
A.
Schöne Worte (3): Nunatak 
Am Anfang ein Geständnis: Dies ist ein bestellter Text. Eher ungewöhnlich für einen Blog, den Idealtypus des autonomen Schreibens. Aber ich kann‘s ja mal versuchen.
Die Bestellung kommt von Norbert, Norbert Kaul. Dem Mann mit der Wärmelanze, von den ozeanographischen Spöttern wegen seines Arbeitsgerätes gerne Lanzelot genannt. Aber es geht jetzt nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="padding-left: 30px;">
<p><strong>A.</strong></p>
<p><strong>Schöne Worte (3): Nunatak </strong></p>
<p>Am Anfang ein Geständnis: Dies ist ein bestellter Text. Eher ungewöhnlich für einen Blog, den Idealtypus des autonomen Schreibens. Aber ich kann‘s ja mal versuchen.</p>
<p>Die Bestellung kommt von Norbert, Norbert Kaul. Dem Mann mit der Wärmelanze, von den ozeanographischen Spöttern wegen seines Arbeitsgerätes gerne Lanzelot genannt. Aber es geht jetzt nicht um die Wärmelanze. Es geht um die Mail.</p>
<p>Die Texte dieses Blogs stehen auch im Intranet der Polarstern. Was ich anfangs mit durchaus gemischten Gefühlen betrachtet habe. So ein direkter Kontakt zur eigenen Leserschaft kann ja schon gewöhnungsbedürftig sein. Aber es gab so viel Feedback und Gespräche und Gelächter und Anregungen und Verbesserungsvorschläge, das war (und ist) einfach bezaubernd.</p>
<p>Und es kam die Mail. Von Norbert.</p>
<p style="padding-left: 30px;">Betreff: Schöne Worte (2-4)<br />
28. Februar 2010. 01:16 am</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Hallo, Kai, dein Blog ist immer sehr erfrischend. Wie wär&#8217;s mit elegischen Gedanken zu: Lasching, Nunatak oder Sastrugi?</em></p>
<p>Norbert, vergib mir, aber im ersten Moment dachte ich: Will der dich auf den Arm nehmen? Habe ich‘s übertrieben mit dem blumigen Schreiben? Hat er die Worte jetzt erfunden, um zu sehen, ob du anbeißt? <em>Lasching</em>, nun gut, das Verb <em>laschen</em> ist mir vertraut, Seemannssprache für das Festzurren von Ladung aller Art. <em>Nunatak</em>? <em>Sastrugi</em>? Nie gehört. Klingt, wenn überhaupt, nach Eskimosprache. Ja, ich weiß, nicht sehr piißii. Aber egal. Ab morgen sage ich Inuit. Versprochen. Nach längerer Überlegung schrieb ich also vorsichtig zurück:</p>
<p style="padding-left: 30px;">Betreff: Re: Schöne Worte (2-4)<br />
28. Februar 2010, 06:02 pm</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Sehr gerne, lieber Norbert &#8230;</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Das Problem ist bloß: Was sind das für Wörter? Noch nie gehört oder gar selbst verwendet. Seemannssprache? Eskimonesisch? Bitte um Aufklärung,<br />
Gruß Kai</em></p>
<p>Und erhielt folgende Antwort:</p>
<p style="padding-left: 30px;">Betreff: Re: Schöne Worte (2-4)<br />
28. Februar 2010, 11:44 pm</p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Hallo Kai,<br />
von allem.</em><br />
<em>Lasching ist Seemannssprache für alles, was die Ladung oder Geräte festhält, meistens Seile oder Gurte.<br />
Nunatak ist eskimonesisch und steht für die Felsen, die aus dem Eis der Gletscher herausgucken, das, wo die Geologen so verzweifelt hin wollen dieser Tage (sogar Wikipedia weiss da was von).</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Sastrugi ist ebenfalls eskimonesisch und steht für die Windrippel auf dem Schnee. Ähnlich wie die Wellblechpisten machen die das Fortkommen schwierig. Der Schnee ist also überhaupt nicht so glatt und weich, wie wir uns das aus dem milden Europa so vorstellen.</em></p>
<p style="padding-left: 30px;"><em>Gruß, Norbert</em></p>
<p>Das wäre also geklärt.</p>
<p>Nun ist es mit dem elegischen Wortedrechseln auf Bestellung so eine Sache. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen. Andererseits: Lanzelots Hofpoet, das klingt doch auch ganz edel. Elegisch edel.</p>
<p>So, jetzt aber genug der Abschweifung. Nunatak ist ein wirklich schönes Wort. Es hat was lautmalerisches. Ein breites, ausladend lang gesprochenes Nuuna-, dem ein spitz nach oben schnellendes -tak folgt. Wie ein vorwitziger Felsen, der aus einer weiten, unendlich weißen Fläche aufragt. Tak, da bin ich, deine Vertikale, du horizontal ausgebreitete Nunaebene.</p>
<p>Ich habe sie ins Herz geschlossen, bevor ich wusste, dass es Nunataks sind. Falscher Satz, ich weiß, der Plural von Nunatak heißt Nunatakker. Aber jetzt vergisst das keiner mehr, der diesen Text liest. Nu-na-tak-ker. Plural.</p>
<p>Ins Herz geschlossen habe ich sie bei unserem ersten Landausflug. Mit dem Hubschrauber zum Mount Murphy, einem nicht mehr aktiven Vulkankomplex. Der liegt am Rande des Crosson Ice Shelf, im östlichen Teil der Pine Island Bay. Zunächst 40, 50 Meilen vom Schiff aus über eine endlos scheinende Fläche: Das Schelfeis, aufgeworfen und verbogen und gebrochen und gezerrt und glatt geblasen vom Wind. Blendend hell mit blauen Spalten und dramatischen Schattenwürfen. Verkrustet und verspannt. Und überzogen von Sastrugi. Zu denen später, sonst kommen wir ja nie zu Potte hier. Den Berg im Sonnenglast als Ziel vor Augen, das nicht näher kommen wollte.</p>
<div id="attachment_760" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/03/Mount-Murphy001.jpg"><img class="size-medium wp-image-760" title="Mount Murphy" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/03/Mount-Murphy001-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Mount Murphy</p></div>
<p style="text-align: center;">
<p><span id="more-759"></span></p>
<p>Dann sind wir gelandet. Auf einer Nadelspitze im Vorgebirge von Mount Murphy &#8211; nie hätte ich gedacht, dass man auf so einem Handtuch landen kann. 75°14‘ Süd, 110°57‘ West, Höhe 709 m. Hieß netterweise Kay Peak, unser Landehandtuch. Links von uns dehnte sich eine weiße, glatte Fläche bis zum Horizont, wahrscheinlich noch weit darüber hinaus. Mitten drin in dieser Eiswüste drei dunkelschwarze Felsen, wie hingekleckert in den weißen Strom. Landmarken im Eis. Eine tröstliche Erinnerung, dass hier auch noch irgendetwas anderes zu finden ist als Eis, Eis, und noch mal Eis.</p>
<div id="attachment_761" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/03/Mount-Murphy002.jpg"><img class="size-medium wp-image-761 " title="Mount Murphy" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/03/Mount-Murphy002-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Mirko Scheinert</p></div>
<p>Das sind Nunatakker. Drei Stück. Von rechts nach links: Hedin Nunatak,<br />
Turtle  Peak und Dorrel Rock. Dorrel Rock ist der, der ganz ferne hinten im<br />
Hintergrund  aufleuchtet. Der Hügel im Vordergrund ist kein Nunatak. Und<br />
auch der  Felsen ganz links am Bildrand nicht, der gehört schon zum<br />
Gebirgsgestein  von Mount Murphy.  Da das Eis hier alles andere als fest ist &#8211; im Gegenteil, es fließt mit beachtlichen Geschwindigkeiten aus dem Festland ab in Richtung Meer &#8211; muss es sich seinen Weg um die Nunatakker herum suchen. Denn die stehen da nun mal ziemlich fest versteinert rum. Auf dem nächsten Foto kann man erkennen, wie sich der Eisstrom biegt und faltet. Um um die Nunatakker herumzukurven.</p>
<div id="attachment_762" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><a href="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/03/Mount-Murphy003.jpg"><img class="size-medium wp-image-762 " title="Mount Murphy" src="http://kaivoigtlaender.de/wp-content/uploads/2010/03/Mount-Murphy003-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Mirko Scheinert</p></div>
<p>Nunatakker sind kein antarktisches Phänomen. Wie auch, dann hätten sie ihren Namen ja nicht von den Inuit bekommen können. Solche Felsen, die aus Gletschern oder Eisströmen herausragen, findet man auch in anderen regelmäßig oder zeitweise vereisten Gebieten. Durch seine Tätigkeit des Herausragens wird der Nunatak, wie die unermüdliche Wikipedia bemerkt, zum Lebensretter vieler Pflanzenarten. Den Himmelsherold, das Dolomiten-Fingerkraut, das Schweizer Mannsschild oder die Alpen-Grasnelke würde es ohne Nunatakker vielleicht gar nicht mehr geben. Was zu bedauern wäre.</p>
<p>Allein das macht sie ja schon rundum sympathisch. Und dass sie in der sie umgebenden, eisigen Unendlichkeit so etwas wie eine kleine, radikale Minderheit repräsentieren. Auch Geodäten schätzen Nunatakker. Auf denen können sie landen, um einen geodätischen Messpunkt in den Fels zu bohren und zu schrauben. Anschließend schauen sie dann regelmäßig, etwa im Abstand von vier Jahren vorbei, um zu sehen, ob noch alles in Ordnung ist mit ihrem geodätischen Messpunkt. Und um eine neue Messung vorzunehmen.</p>
<p>Außerdem gibt es eine Art subglazialer Verbindung des Nunatak zum weltweit geschätzten britischen Humor. Die Spur dorthin legt Wikipedia. Vor den Erläuterungen zum Nunatak findet sich nämlich der Hinweis: <em>Dieser Artikel erläutert einen glaziologischen Begriff; zur gleichnamigen Musikgruppe siehe Nunatak (Band).</em> Wir sehen umgehend nach, um dort zu lesen, dass Nunatak die Hausband der britischen Rothera-Station auf der Antarktischen Halbinsel ist.</p>
<p><em>Sie besteht aus fünf jungen Wissenschaftlern der Forschungsstation, die ihren Musikstil als „Indie-Rock-Folk-Fusion“ bezeichnen. Am 7. Juli 2007 nahmen die Hobbymusiker an der Konzertreihe „Live-Earth“ teil. Ihr Auftritt vor den verbliebenen 17 Personen der Stationsbesatzung im antarktischen Winter wurde mehrmals an diesem Tag weltweit von verschiedenen Medien ausgestrahlt und erreichte rund zwei Milliarden Zuschauer und Zuhörer.<br />
</em><br />
Zum Schluss vermerkt der ungemein lesenswerte Artikel, dass die Band noch nie außerhalb von Rothera aufgetreten ist.</p>
<p>Von Rothera, der britischen Antarktisstation, ist unser Weg nicht weit zum hier bereits an anderer Stelle erwähnten Ian MacNab. Als Mitarbeiter des British Antarctic Survey, kurz BAS, ist er auf der Polarstern sowohl im Hardrock- wie auch im Schlammologenbusiness tätig. Auch Ian hat bereits auf Rothera überwintert. Beim Abendmeeting vor einigen Wochen hat er uns einen Film vorgeführt, der während dieser Überwinterung entstanden ist. Im Rahmen des Antarctic 48 hours film festival.</p>
<p>Dieser Wettbewerb, von dem die Welt noch verhältnismäßig wenig ahnt, steht Mitarbeitern aller Antarktisstationen offen. 48 Stunden: das ist die Zeit, in der die Teams der einzelnen Stationen einen Film konzipieren, drehen, schneiden und vertonen sollen. In jedem Film eines Festivaljahrgangs müssen dabei fünf Dinge vorkommen (die sogenannten <em>film criteria</em>). 2009 waren das:</p>
<p>1.    A temperamental continental chef<br />
2.    A funny hat<br />
3.    A toilet roll<br />
4.    Sound of a beer can opening<br />
5.    Dialogue: „Do you want to buy a dog?“</p>
<p>Das Werk, das die Überwinterer von Rothera 2009 in 48 Stunden gedreht, geschnitten und gestaltet haben, kann unter dem Titel <a href="http://www.youtube.com/watch?v=Arf74iaacOQ">„The Quest for the Golden roll“</a> hier betrachtet werden. Unbedingt empfehlenswert, denn es vermittelt einen plastischen Eindruck sowohl von den Entbehrungen, denen die Stationsmitarbeiter ausgesetzt sind, als auch vom aktuellen Zustand des britischen Humors. Und es zeigt, zu welchen Ausbrüchen an Kreativität eine Überwinterung im antarktischen Eis führen kann.</p>
<p>War das jetzt elegisch genug, Norbert? Ich weiß nicht &#8230; Aber ich staune, wie weit man kommen kann, wenn man sich einfach mal in ein schönes Wort hineinversenkt. Wie in Nunatak.</p>
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		<title>sechsundzwanzig</title>
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		<pubDate>Sun, 28 Mar 2010 14:37:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bordsoziologie]]></category>

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		<description><![CDATA[


Samstag, 27.3.2010
13:44 Bordzeit
Kurznachrichten aus dem Reich des Puschels
Wer sich, nach der letzten Meldung zum Thema vielleicht Sorgen um den zotteligen, vom Meersalz verklebten Windfang unserer Kameraausrüstung gemacht hat, den wird das folgende Foto beruhigen. Zumindest in einer Hinsicht.
Der Puschel war, vor längerem schon, in der Waschmaschine (30 Grad, Schonwaschgang) und entstieg ihr duftend, neu geboren [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="padding-left: 30px;">
<p style="padding-left: 30px;">
<p style="padding-left: 30px;">
<p style="padding-left: 30px;">Samstag, 27.3.2010<br />
13:44 Bordzeit</p>
<p><strong>Kurznachrichten aus dem Reich des Puschels</strong></p>
<p>Wer sich, nach der letzten Meldung zum <a href="http://kaivoigtlaender.de/?p=446">Thema</a> vielleicht Sorgen um den zotteligen, vom Meersalz verklebten Windfang unserer Kameraausrüstung gemacht hat, den wird das folgende Foto beruhigen. Zumindest in einer Hinsicht.</p>
<p>Der Puschel war, vor längerem schon, in der Waschmaschine (30 Grad, Schonwaschgang) und entstieg ihr duftend, neu geboren und in alter Größe. Nach einem Kurzaufenthalt auf der Wäscheleine, Abteilung Arbeitszeug Mannschaft (s. Abbildung 1), trotzt er den katabatischen Winden und anderen antarktischen Zumutungen trotz seines fortgeschrittenen Alters mit gewohnter Zuverlässigkeit.</p>
<p>„Puschel“ ist, warum auch immer, an Bord mittlerweile derart zum Synonym für unsere Tätigkeit geworden, dass  wir, wo wir auch hinkommen, als solcher begrüßt werden. Ach, da kommt ja Puschel. Nun, ganz offen gesprochen gilt die Begrüßung, da ich das Gerät meistenteils vor mir hertrage oder hinter mir her zerre, eigentlich eher mir als uns, aber anyway.</p>
<p>Zum Geburtstag vor einigen Wochen haben die diensthabenden Patissiers Guido K. und Doc Felix M. für mich tatsächlich eine Linzer Puscheltorte fabriziert (s. Abbildung 2), die mein Arbeitswerkzeug nicht nur sachgerecht abgebildet hat. Sie schmeckte auch ganz ausgezeichnet. Wahrscheinlich einer der ersten essbaren Puschel überhaupt.</p>

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<p><span id="more-735"></span></p>
<p>Kamerateams auf der ganzen Welt werden es bestätigen: Der Puschel hat eine geradezu magnetische Wirkung auf die unter den Medien leidende Öffentlichkeit. Er wird von Menschen angeknurrt und &#8211; Sitz! Platz! Fass! &#8211; mit Hundebefehlen belästigt. Zum Spaß, natürlich. Er wird von Hunden angebellt und angegriffen. Ohne jeden Spaß, versteht sich. Der Puschel bringt die Pferde ins Schwitzen und macht die Interviewpartner scheu. Nein, Entschuldigung! Umgekehrt natürlich. Und spätestens hier hört der Spaß dann wirklich auf.</p>
<p>Er wird von Hunden wie von Menschen zum Gegenstand von Anzüglichkeiten aller Art gemacht. Mit welchen Spaß- und Ernstanteilen, das möchte ich lieber gar nicht erst erörtern. Er wird gekrault, gebürstet und gepuschelt. Mag die sublime erotische Komponente, die diesem Tun zugrunde liegt, mit seiner überzeugend behaarten Gestalt, mit der naheliegenden, sprachlich induzierten Assoziationskette Puscheln &#8211; Kuscheln oder mit gewissen, nach zwei Monaten auf See menschlich verständlichen Entzugserscheinungen zusammenhängen &#8211; ich will es nicht entscheiden.</p>
<p>Ins Grübeln bringt uns allerdings eine Beobachtung, die wir neulich an Deck machten und die, glücklicherweise, wie in Abbildung 3 zu sehen, dokumentiert werden konnte.</p>
<p>Was hat das fremde, schwarzhaarige Puschelwesen zu bedeuten? Geht unser Puschel eigene Wege? Ist ihm ausgerechnet in den eisigen Wüsten Antarcticas ein spätes Glück beschieden? Hatten wir die überaus seltene Gelegenheit, eine/n Flirtpartner/in zu beobachten? Oder sollte das schwarzhaarige Wesen schon die Frucht einer längerdauernden, stabilen Verbindung sein? Aber wer (und wo) wäre dann der dazugehörige Partner? Und wie vermehrt sich ein Puschel überhaupt? Geschlechtlich? Durch Zellteilung? Wenn letzteres, wie ließe sich dann die ungewöhnliche Färbung erklären? Mauser? Frühes Entwicklungsstadium? Pubertät? Hat der Puschel ein Privatleben? Geistert er nachts liebestoll durch die Gänge?</p>
<p>Liebes Publikum, wir ziehn betroffen<br />
den Vorhang zu -<br />
und alle Fragen offen.</p>
<p>Verhaltensforscher, Puschelologen, an die Arbeit! Die DFG-Anträge warten schon.</p>
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		<title>Das letzte Eis</title>
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		<pubDate>Fri, 26 Mar 2010 07:27:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<title>fünfundzwanzig</title>
		<link>http://kaivoigtlaender.de/?p=715</link>
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		<pubDate>Thu, 25 Mar 2010 15:56:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lehrmeister Pazifik]]></category>

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		<description><![CDATA[Montag, 15.3.2010
19:10 Bordzeit
Gestatten: Mondfisch. Angenehm, Filterbarsch.
Ich bin ein Mondfisch.
„Der Mondfisch“, notiert Wikipedia, „(Mola mola von lat. mola Mühlstein, auch Mola, Meermond, Sonnenfisch) gilt als der größte Knochenfisch der Welt.
Der Mola kann über 3 Meter lang, bis zu 4 Meter hoch und maximal 2,5 Tonnen schwer werden und er erreicht ein Höchstalter von wahrscheinlich weit über [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Montag, 15.3.2010<br />
19:10 Bordzeit</p>
<p><strong>Gestatten: Mondfisch. Angenehm, Filterbarsch.</strong></p>
<p>Ich bin ein Mondfisch.</p>
<p>„Der <strong>Mondfisch</strong>“, notiert Wikipedia, „(<em>Mola mola</em> von lat. <em>mola</em> Mühlstein, auch Mola, Meermond, Sonnenfisch) gilt als der größte Knochenfisch der Welt.</p>
<p>Der Mola kann über 3 Meter lang, bis zu 4 Meter hoch und maximal 2,5 Tonnen schwer werden und er erreicht ein Höchstalter von wahrscheinlich weit über hundert Jahren. Sein plump wirkender Körper hat eine ungewöhnliche, scheibenförmig komprimierte Gestalt, ein Eindruck, der durch die fehlenden Bauchflossen noch betont wird. Auch ursprünglich vorhandene Organe wie die Schwimmblase und die Schuppen wurden im Verlauf der Entwicklungsgeschichte wieder reduziert und fehlen daher. Die Haut der Mondfische ist 15 cm stark und ist damit die dickste aller Lebewesen. Sie ist mit bis zu 50 verschiedenen Arten von Parasiten und Mikroorganismen besiedelt, die den Mondfisch zum Leuchten bringen können. Molas werden häufig mit Haien verwechselt, da sie oft an der Meeresoberfläche schwimmen und Rückenflossen haben, die ähnlich wie bei Haien aus dem Wasser ragen.“</p>
<p>Ich bin ein Mondfisch. Steht so in meiner Taufurkunde. Die seit einer Woche bei uns auf Kammer liegt. Vor einer Woche war Polartaufe. Seitdem darf ich mich Mondfisch nennen. Wovon ich bislang wenig Gebrauch gemacht habe. Obwohl mir der Name gefiel. Anfangs jedenfalls.</p>
<p><span id="more-715"></span></p>
<p>Polartaufe: Das ist eines dieser atavistischen Rituale, mit deren Beschreibung die seefahrende Minderheit der Menschen die landsässige Mehrheit zu erschrecken pflegt. Was für Greuel wurden uns ausgemalt, anläßlich der ersten Reise in den südlichen Polarkreis, zur Initiation in Neptuns Reich! Geschoren würden wir werden, ohne Ansehen von Person und Haarpracht, ein paar Zähne könnten auch draufgehen, außerdem werde man uns in faulige, eigens zu diesem Zwecke aufbewahrte Ex-Lebensmittel tauchen. Und das sei erst der Anfang &#8230; essen müssten wir das Zeug dann auch noch.</p>

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<p>Ein lustvolles Spiel mit der Angst, ein Abrastern der Ahnungslosen: Wann fangen sie an zu schlottern? Wann glauben sie es? Wer wird zuerst weich und winselt um Gnade? Wer schneidet sich vorher prophylaktisch die Haare ab?</p>
<p>Nun muss man keine schwachen Nerven haben, um das nicht besonders erheiternd zu finden. Es reicht schon die Erinnerung an all die Geschichten, die man irgendwo gespeichert hat. Von schrecklichen Quälereien zur Aufnahme in irgendwelche, meist militärischen Männerbünde. Aber auf der durchzivilisierten Polarstern wird natürlich niemand gezwungen, dabei mitzumachen. Und der Kapitän wacht persönlich über die Einhaltung der Menschenrechte.</p>
<p>Und so war es dann: sehr lustig. Unglaublich albern. Ein wüstes Spektakel, eine Orgie in eisig-kaltem Wasser, eine anarchische Schlammschlacht aus den wilden Tagen des Karnevals. Die armen Täuflinge aus der marinen Geologie mussten besagten Schlamm am Vorabend noch eigenhändig mit dem Kastengreifer vom Meeresboden holen &#8211; nicht ahnend, dass ihnen die kalte graue Masse am nächsten Tag über den Kopf geschmiert und mit überdimensionalen Spritzen in die Hosenbeine gedrückt werden würde.</p>
<p>Höchst seriöse Wissenschaftler hatten sich in unglaubliche Verkleidungen gezwängt. Der Wetter-Max als Neptun mit Dreizack und verfilztem, geflochtenen Rauschebart. Der ozeanographische Andreas als Neptuns Frau Thetis, durchaus blond gewellt und wallend, mit eindrucksvollen Plastikbrüsten und einem halbtransparenten Fischernetz über dem Ölzeug. Und Christina, die Stewardess, mit einer Betontolle unbenennbarer Farbigkeit als Chefin des Salons Flotte Locke.</p>
<p>Und, jenseits aller Alberei, eines muss man sagen: Bei der Namensgebung haben sich die Täufer wirklich viel Mühe gegeben und treffende Namen ersonnen.</p>
<p>Florian, der mit dem Hubschrauber und einer Messsonde magnetischen Anomalien auf der Spur ist, haben sie <strong>Seeanomalilie</strong> genannt. Astrid, aus den gleichen Gründen ständig mit dem Hubschrauber unterwegs, heißt <strong>Heli-Engelsfisch</strong>. Ralf, einer der beiden Geodäten und GPS-Vermesser an Bord, hat den Namen <strong>Wanderkoordinatenalbatros</strong> verliehen bekommen &#8211; was er mit einer Spannweite von gefühlten vier Meter achtzig eindrucksvoll ausfüllt.</p>
<p>James, James Smith vom British Antarctic Survey darf sich jetzt <strong>Latimeria chalumnae</strong>, auf deutsch: Komoren-Quastenflosser nennen. Was einerseits ein wirklich sehr, sehr seltenes Tier bezeichnet. Seinen Witz bezieht es aber vor allem aus der Tatsache, dass ein gewisser James Smith das erste gefangene Exemplar dieser Art 1939 den Quastenflossern zuordnen konnte. Die hatte man bis dahin für ausgestorben gehalten.</p>
<p>Und Christian, die One-Man-Biology-Show dieser Reise. Christian, der Hektoliter von Ozeanwasser gefiltert hat, auf der Suche nach Phytoplankton, nun, den hat die weise Versammlung der Täufer mit dem Namen <strong>Filterbarsch</strong> belegt. Christine, die das Wasser aus den grauen CTD-Röhren gleich nach der Entnahme pipettiert und die Fläschchen dann schnellschnell versiegelt hat, damit keine Spur Spurengas entweicht, die heißt &#8211; <strong>Pipettenfisch</strong>.</p>
<p>Jemandem oder auch einem Objekt einen Namen zu geben, darin steckt Magie. Kicherte Rumpelstilzchen und stob um die Ecke. Unbenannt und unerkannt, versteht sich. Benennen kann beschreiben heißen, Eigenschaften oder Wesenszüge. Benennen kann aber auch ein Potential des Benannten ausdrücken, oder einen Wunsch des Täufers an den Täufling.</p>
<p>Die allerschmalste und zierlichste unter den Wissenschaftlerinnen mit dem Namen <strong>Pottwal</strong> zu belegen: dahinter steckt die freundliche Aufforderung, doch wenigstens ab und zu ein wenig engagierter zuzugreifen bei den dargebotenen Mahlzeiten. Der <strong>Räucheraal</strong> ist wahrscheinlich ein paar Mal zu oft in den Raucherecken des Schiffs gesichtet worden.</p>
<p>Und wer auf den Namen <strong>Laberbarsch</strong> getauft wurde, nun, der ahnt wahrscheinlich auch, warum ihm dies geschah.</p>
<p>Ich war mit meinem Mondfisch-Dasein sehr zufrieden. Sehr sympathisch, diese Zuschreibung. Bis ich den Wikipedia-Eintrag in die Finger bekam. Seitdem grübele ich: Plump wirkender Körper, größter Knochenfisch der Welt, dickste Haut aller Lebewesen, über 50 Parasiten &#8211; ist das jetzt Beschreibung? Oder Aufforderung? Oder Potential? Was zur Hölle haben die gemeint &#8230;?</p>
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		<title>vierundzwanzig</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 07:30:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Isekai</dc:creator>
				<category><![CDATA[Über dieses Projekt]]></category>

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		<description><![CDATA[19.03.2010
19:25 Bordzeit
Wie dieses Blog funktioniert
Falls sich jemand aus der geneigten Leserschaft wundern sollte, dass in diesem Blog immer nur aus Wikipedia zitiert wird: Es gibt nichts anderes. Hier an Bord. Im bordeigenen Intranet gibt es einen Link zur DVD-ROM-Version der deutschsprachigen Wikipedia, Stand August 2007. That‘s it. Sonst nur noch eine wohlgeordnete Bibliothek mit sehr [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>19.03.2010</p>
<p>19:25 Bordzeit</p>
<p><strong>Wie dieses Blog funktioniert</strong></p>
<p>Falls sich jemand aus der geneigten Leserschaft wundern sollte, dass in diesem Blog immer nur aus Wikipedia zitiert wird: Es gibt nichts anderes. Hier an Bord. Im bordeigenen Intranet gibt es einen Link zur DVD-ROM-Version der deutschsprachigen Wikipedia, Stand August 2007. That‘s it. Sonst nur noch eine wohlgeordnete Bibliothek mit sehr fachspezifischer, also eher weniger allgemein verständlicher Literatur.</p>
<p>Falls sich jemand aus der geneigten Leserschaft wundern sollte, dass ich nie auf Kommentare reagiere (von denen es einige geben soll, wie mir zu Ohren gekommen ist): Es geht nicht. Hier an Bord.</p>
<p><span id="more-707"></span></p>
<p>Auf der Polarstern gibt es kein Internet. Was die leicht absurde Konsequenz hat, dass ich dieses Blog zwar so gut und so oft wie möglich mit Texten und Bildern füttere, ihn aber selbst noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen habe. Am 25. Januar, am Tag vor meiner Abreise, habe ich ihn aufgesetzt. Ohne die selbstlose Hilfe des BABH Martin Gutschmidt von der Akademie für Publizistik in Hamburg hätte das wahrscheinlich gar nicht mehr funktioniert. Danke, Martin!</p>
<p>Und falls sich jetzt jemand fragen sollte, was BABH heißt: Ganz einfach. Bester Administrator Beider Hemisphären.</p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht viel über die Übertragungswege und die technischen Möglichkeiten an Bord. Landete aber schnell auf dem metallisch harten Boden der Tatsachen. Es gibt die Möglichkeit, Mails zu senden und zu empfangen. Beides, das Senden wie das Empfangen, sind limitiert. Auf 50 KB bei privaten Mails und 100 KB bei dienstlichen. Zur Unterscheidung der einen von den anderen bekommt jeder Mitfahrer für die Dauer der Reise eine dienstliche und eine private Mailadresse mit einer Polarstern-Kennung zugewiesen.</p>
<p>Wir haben die Grenze für die dienstlichen Mails auf 400 KB hochverhandelt. Das reicht noch nicht mal aus, um ein einziges iPhone-Foto zu verschicken. Denn die haben in der Originalgröße meist zwischen 580 und 720 KB. Ich habe alle Bilder runterrechnen müssen, von 1600 x 1200 Pixeln auf 1200 x 800. Damit lande ich dann bei versendbaren Größen zwischen 270 und 350 KB. Pro Bild eine Mail, wohlgemerkt.</p>
<p>Es möge sich also bitte niemand über die (technische) Qualität der Fotos in diesem Blog beschweren. Denn mittlerweile habe ich die Beschränkung zum stilistischen Prinzip umformatiert &#8211; und finde die leicht verrauschten, oft mit einer charakteristischen Unschärfe versehenen Fotos ganz attraktiv. Und passend zu dieser Reise. Handy-Ästhetik heißt das jetzt, bis auf weiteres. Nach der Rückkehr werde ich noch ein paar Bilderstrecken bauen, versprochen. Ich muss hier nur ein wenig auf die Kosten achten, denn die Mails werden nach KB abgerechnet.</p>
<p>Schade finde ich es, dass durch dieses Datennadelöhr alle multimedialen Formate gleich von vornherein ausgeschlossen waren. Eine kleine Videosequenz über den ziemlich großen Octopus, der sich derartig in eines der orangefarbenen OBeEsse verguckt hatte, dass er sich gleich mit ihm an Bord hat hieven lassen &#8211; das wäre doch eine wahre Zier für dieses Blog gewesen.</p>
<p>Und auch der Hörfunker in mir leidet. Eine Toncollage über die Geräusche des Eises &#8211; wie es scherbelt und klirrt und wispert und knistert und reibt und knirscht und schmatzt und kracht und seufzt und flüstert und knackt und zieht &#8230; Hach ja, das hätte schon was.</p>
<p>Nun gut. Geht nicht. Aber zurück zur Ausgangsfrage. Ich schreibe Texte. Ganz einfache Word-Dokumente. Die schicke ich, gelegentlich mit ein paar Fotos, auf die Reise. Per Mail über eine Iridium-Satellitenverbindung nach Deutschland. Genauer gesagt, nach Stralsund. Und alles was, dann passiert, liegt in den Händen der BBBAZ Nike van Eppstein. Sie pflegt die Texte ein. Sie formatiert Word-Dokumente und PDF‘s um. Sie passt die Fotos an. Sie bastelt kleine Slideshows. Sie macht das Blog.</p>
<p>Danke, Nike! Und ich bin schon sowas von gespannt, wie er aussieht. Das Blog.</p>
<p>Ach so, falls jemand fragen sollte, was BBBAZ heißt: Ist doch klar. Beste BlogBetreuerin Aller Zeiten.</p>
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