Archives for category: Schöne Worte

A.

Schöne Worte (3): Nunatak

Am Anfang ein Geständnis: Dies ist ein bestellter Text. Eher ungewöhnlich für einen Blog, den Idealtypus des autonomen Schreibens. Aber ich kann‘s ja mal versuchen.

Die Bestellung kommt von Norbert, Norbert Kaul. Dem Mann mit der Wärmelanze, von den ozeanographischen Spöttern wegen seines Arbeitsgerätes gerne Lanzelot genannt. Aber es geht jetzt nicht um die Wärmelanze. Es geht um die Mail.

Die Texte dieses Blogs stehen auch im Intranet der Polarstern. Was ich anfangs mit durchaus gemischten Gefühlen betrachtet habe. So ein direkter Kontakt zur eigenen Leserschaft kann ja schon gewöhnungsbedürftig sein. Aber es gab so viel Feedback und Gespräche und Gelächter und Anregungen und Verbesserungsvorschläge, das war (und ist) einfach bezaubernd.

Und es kam die Mail. Von Norbert.

Betreff: Schöne Worte (2-4)
28. Februar 2010. 01:16 am

Hallo, Kai, dein Blog ist immer sehr erfrischend. Wie wär’s mit elegischen Gedanken zu: Lasching, Nunatak oder Sastrugi?

Norbert, vergib mir, aber im ersten Moment dachte ich: Will der dich auf den Arm nehmen? Habe ich‘s übertrieben mit dem blumigen Schreiben? Hat er die Worte jetzt erfunden, um zu sehen, ob du anbeißt? Lasching, nun gut, das Verb laschen ist mir vertraut, Seemannssprache für das Festzurren von Ladung aller Art. Nunatak? Sastrugi? Nie gehört. Klingt, wenn überhaupt, nach Eskimosprache. Ja, ich weiß, nicht sehr piißii. Aber egal. Ab morgen sage ich Inuit. Versprochen. Nach längerer Überlegung schrieb ich also vorsichtig zurück:

Betreff: Re: Schöne Worte (2-4)
28. Februar 2010, 06:02 pm

Sehr gerne, lieber Norbert …

Das Problem ist bloß: Was sind das für Wörter? Noch nie gehört oder gar selbst verwendet. Seemannssprache? Eskimonesisch? Bitte um Aufklärung,
Gruß Kai

Und erhielt folgende Antwort:

Betreff: Re: Schöne Worte (2-4)
28. Februar 2010, 11:44 pm

Hallo Kai,
von allem.

Lasching ist Seemannssprache für alles, was die Ladung oder Geräte festhält, meistens Seile oder Gurte.
Nunatak ist eskimonesisch und steht für die Felsen, die aus dem Eis der Gletscher herausgucken, das, wo die Geologen so verzweifelt hin wollen dieser Tage (sogar Wikipedia weiss da was von).

Sastrugi ist ebenfalls eskimonesisch und steht für die Windrippel auf dem Schnee. Ähnlich wie die Wellblechpisten machen die das Fortkommen schwierig. Der Schnee ist also überhaupt nicht so glatt und weich, wie wir uns das aus dem milden Europa so vorstellen.

Gruß, Norbert

Das wäre also geklärt.

Nun ist es mit dem elegischen Wortedrechseln auf Bestellung so eine Sache. Ein bisschen wie Malen nach Zahlen. Andererseits: Lanzelots Hofpoet, das klingt doch auch ganz edel. Elegisch edel.

So, jetzt aber genug der Abschweifung. Nunatak ist ein wirklich schönes Wort. Es hat was lautmalerisches. Ein breites, ausladend lang gesprochenes Nuuna-, dem ein spitz nach oben schnellendes -tak folgt. Wie ein vorwitziger Felsen, der aus einer weiten, unendlich weißen Fläche aufragt. Tak, da bin ich, deine Vertikale, du horizontal ausgebreitete Nunaebene.

Ich habe sie ins Herz geschlossen, bevor ich wusste, dass es Nunataks sind. Falscher Satz, ich weiß, der Plural von Nunatak heißt Nunatakker. Aber jetzt vergisst das keiner mehr, der diesen Text liest. Nu-na-tak-ker. Plural.

Ins Herz geschlossen habe ich sie bei unserem ersten Landausflug. Mit dem Hubschrauber zum Mount Murphy, einem nicht mehr aktiven Vulkankomplex. Der liegt am Rande des Crosson Ice Shelf, im östlichen Teil der Pine Island Bay. Zunächst 40, 50 Meilen vom Schiff aus über eine endlos scheinende Fläche: Das Schelfeis, aufgeworfen und verbogen und gebrochen und gezerrt und glatt geblasen vom Wind. Blendend hell mit blauen Spalten und dramatischen Schattenwürfen. Verkrustet und verspannt. Und überzogen von Sastrugi. Zu denen später, sonst kommen wir ja nie zu Potte hier. Den Berg im Sonnenglast als Ziel vor Augen, das nicht näher kommen wollte.

Mount Murphy

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16:50 Bordzeit

Hard Rocking Scientists oder: Was von Steinen übrig bleibt

Vorsicht! Das wird ein langer Text. Ein schrecklich langer Text. Ja, ich weiß, das ist eine der besten Methoden, um Leser zu vergraulen: Sie gleich zu Anfang einzuschwören auf einen Riesenriemen. Aber andererseits: Zeit ist relativ relativ. Und die Reise, die dieser Text unternimmt, durchmisst einen Zeit-Raum von vielen Millionen Jahren. Sowie noch ein paar Arbeitstage im Labor. Das ist beim besten Willen nicht in 60 Zeilen abzufiedeln, wie Kamera-Guido sagen würde. Also anschnallen bitte, auf geht‘s!

Cornelia Spiegel und Julia Lindow von der Universität Bremen, James Smith und Ian MacNab vom British Antarctic Survey bilden die Arbeitsgruppe Landgeologie auf dieser Expedition. Wir sprachen schon von ihnen. Hardrock Scientists, sagen die Engländer. Klingt lustig, jedenfalls für Außenstehende: Angenehm, Smith, ich arbeite im Hardrockbereich.

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Bathymetrie … Noch nie zuvor hatte ich dieses Wort gehört. Bathymetrie. An einem der ersten Tage bat ich Fahrtleiter Karsten um eine Karte, die er mir am Bildschirm gezeigt hatte. Klar, sagte er, die kriegst du unten in der Bathymetrie.

Hm. Bathymetrie. Unten. Klingt nach griechisch-römischem Dampfbad. Interessant. Und irgendwie unbedrohlich. Schöner Rhythmus: Drei kurze Vokale, hell-dunkel-hell, ausatmend abgelagert in ein gedehntes i.

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